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Das Thema der Ausstellung, die Essenz des Werkes und auch Bestandteil des verwendeten Malmaterials ist: Wasser. Wasser als die Grundlage allen Lebens, als das Selbstverständlichste auf der Welt, als Kostbarkeit, als Denkmodell, als Ontologie*. In unseren Breitengraden drehen wir einfach den Wasserhahn auf, wir überqueren den Fluss, das Wasser regnet oder schneit vom Himmel, wir baden darin. In anderen Teilen der Welt ist es ein rares, kostbares Gut. Ist es dadurch nicht aber grundsätzlich für uns alle rar und von unschätzbarem Wert? Unser Körper besteht bekanntermaßen zum großen Teil aus Wasser. All diese Dinge sind banal, und doch sind sie es eben nicht, denn ohne Wasser gibt es kein Leben auf dem Planeten. Sophias Anliegen ist es in dieser Installation, die Einfachheit und Komplexität dieses nicht greifbaren „Stoffes“ in jedem Werk und in der Ausstellung als Ganzes dem Betrachter zu vermitteln: ein existentielles und idealistisches Unterfangen.


Sophia bringt in ihrer Einzelausstellung 60 Papierarbeiten aus diesem Jahr in der Rathausgalerie zu einer Installation zusammen. Die Ausstellung erstreckt sich über zwei Räume und einen Gang.

Die Ausstellung hat eine besondere Choreografie: Der Besucher kann sie von zwei Seiten erfahren, da die Raumsituation zwei Zugänge hat. Ein Fluss hat eine Quelle, einen Verlauf, und eine Mündung. Man kann ihn flussaufwärts oder flussabwärts erleben, analog kann die Ausstellung begangen werden. Insbesondere die BesucherInnen aus der Gegend mag es inspirieren, bei der Betrachtung der Ausstellung an die Salzach zu denken.


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Sophia verwendet für ihre Tusche Flusswasser mit Sediment sowie Pigmente. Die Farbe ergießt sich in künstlerisch kalkuliertem Zufall über das Blatt. Das Werk entsteht genau genommen durch das Verschwinden des Wassers, durch die Verdunstung, ein tagelanger Prozess. Was wir sehen sind abstrakte Formen, in denen das Fließen der Farbe und der Fluss des Arbeitsprozesses noch sichtbar bzw. spürbar sind. Sie wurden möglich durch das Wasser als Fliessmittel der Tusche, das Werk tritt erst dann als solches hervor, wenn das Wasser verschwunden ist. Betrachtet man die Details auf den Blättern, die übrigens sehr viel weißen Raum frei lassen, meint man Topografien, landschaftliche Strukturen, vielleicht Mondlandschaften zu erkennen. Das mit Pigment gefärbte Wasser hat eine eigene utopische Landschaft gezeichnet. Der Blick auf das Werk changiert zwischen reiner Abstraktion und durch Assoziationen wahrgenommene Bildlichkeit.



In der Naturphilosophie des Heraklit* wurde die primäre Welterfahrung des fortwährenden Stoff- und Formenwechsels mit der Metapher des Fließens und des Flusses beschrieben: Panta rhei, altgriechisch für „Alles fließt“. Dies ist ontologisch gemeint: Das Wesen des Seins ist Veränderung. Es bietet sich an, diese Metapher in einen Zusammenhang mit dem Werk von Sophia Kirst zu bringen. Wenn das Wesen der Dinge das Fließen ist, die Veränderung: vielleicht ist das Wasser mit seiner lebensbejahenden Anziehungskraft, seinem physisch und spirituell reinigenden und belebenden Charakter ja tatsächlich das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“*?

 
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In ihrer künstlerischen Praxis arbeitet Sophia schwerpunktmäßig in Tusche auf Papier. Ungerahmte Blätter verschiedener Größen und Proportionen reihen sich im Raum mäandernd aneinander, manchmal fast auf Stoß, oder auch mit Abstand, in einer auf- und absteigenden Linie. Jedes Blatt steht für sich, es bleibt dem Betrachter überlassen, Gruppen zusammengehörig zu betrachten, oder Paare, Triptychen oder Ähnliches auszumachen.

Text: Tanja Pol, Kunsthistorikerin und freie Galeristin, München

 
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*Ontologie: Lehre vom Sein (in der Philosophie), befasst sich mit den Grundstrukturen der Wirklichkeit, dem Wesen der Dinge.

* Heraklit von Ephesos (um 520-460 v.Chr.), antiker Philosoph aus der Zeit vor Sokrates („Vorsokratiker“), sog. Naturphilosophie. Für seine Philosophie ist die verborgene Einheit von Gegensätzen, die Identität im Gegensatz kennzeichnend. Seine Schriften sind nicht als solche überliefert, sondern nur als Zitate/Referenzen späterer Autoren.

*Aus dem Monolog von Goethes FAUST (1808).